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Artikel - "Sein" - April, 2004

Spirituelle Anstriche
Der Weg vom guten Menschen zum ganzen Menschen
 Artikel von Amadea erschienen in der Sein Ausgabe April 2004

Den spirituellen Weg beschreitend, kommt es schon mal vor, dass der Vorsatz aufkommt, zu einem „besseren“ Menschen zu werden. Man bemüht sich und tut mit bestem Wissen und Gewissen alles Erdenkliche um den Vorstellungen eines solchen zu entsprechen.

Kleidet sich in hellen Farben, hört lichte Töne, trägt Rosenquarz und Bergkristall, chantet Mantras, kaut kontrolliert und scheitert dennoch immer und immer wieder an solchen Vorstellungen. Denn mitunter spielt die durchdringende Wirklichkeit dem Regisseur eines solchen Filmes Streiche. Plötzlich tauchen unvorhergesehene Szenen auf, Filmrisse finden statt oder vielleicht zeigt sogar die Leinwand ein Loch. Dramatische, düstere oder sonstige ungewollte Szenen spielen sich ab.

Film kontra Wirklichkeit

Nun kann der Regisseur eines solchen spirituellen Films schnell zu Mitteln greifen, um unliebsame Szenen einfach auszublenden - und dies immer und immer wieder. Der Schatten, der Licht auf die Wirklichkeit wirft, dient jedoch der Erkenntnis und glücklicherweise wird er sich erneut zeigen. Der Regisseur kann nun wieder versuchen ihn auszublenden, was jedoch eine Unmenge an Arbeit bedeutet. Von göttlicher Glückseligkeit, die in Verbindung mit der inneren Wirklichkeit entstehen sollte, ist jedenfalls weit und breit keine Spur zu sehen – und das trotz der Anstrengung und des aufrichtigen Wollens des Regisseurs.

Schattenanteilen Ausdrucksmöglichkeiten anbieten

Oft scheint es einfacher eine Sequenz immer und immer wieder auszublenden, als sie zu beleuchten. Und zwar deshalb, weil solche Sequenzen meist nicht in vorgefertigte Konzepte der Zielgruppe „guter Mensch“ passen. Wenn man sie aber beleuchtet, tut sich eine Ebene jenseits idealistischer Vorstellungen auf. Dabei wird eine Lücke zwischen idealer Vorstellung und realem Erkennen sichtbar. Sie wird zu einem Raum, in dem alle Schattenanteile ihren rechtmäßigen Platz einnehmen dürfen. Jetzt ist das Drehbuch vom „guten“ Menschen als beschränkte Sicht der Wirklichkeit entlarvt. Eine umfassendere Sicht der Wirklichkeit zeigt sich. Im achtsamen Umgang mit den ans Licht gekommenen Schatten können diese nun Wege kreativen Ausdrucks finden

Zudem kommen, sobald die Sprache der Schatten beleuchtet wird, auch verschiedenste spirituelle Irrtümer ans Licht. Zum Beispiel der, dass Angst und Liebe sich von vorneherein und unbedingt ausschließen. Bei liebevoller Berührung, die Angst auslöst kann diese vielleicht sogar erstmals ans Licht kommen und angenommen werden. Und in diesem achtsamen und bewussten Annehmen liegt bereits die Liebe.

Erfahrungen in einem geschützten spirituellen Feld

Ein spirituelles Feld ist eine wunderbare Möglichkeit seinen Schattenanteilen bewusst zu begegnen. Unverblümt dürfen sich die kleinen und großen Monster zeigen. Dabei werden sie liebevoll als essentieller Bestandteil unseres spirituellen Wesens angenommen. Das verschafft ihnen Würde und zeigt die Bereitschaft, ihre Sprache zu hören und zu verstehen. Oft halten sie wichtige Botschaften für uns bereit. So kann es sein, dass Monster beispielsweise den Auftrag in sich tragen, vor Verletzung zu schützen. Deshalb ist es absurd, diese Schattenanteile als unspirituell und ungehörig in den letzten Winkel unseres Seins stellen zu wollen. Dort könnten sie erst recht gefährlich werden. Denn dann müssten sie sich Hintertürchen suchen und würden sich früher oder später in explosiven Ausbrüchen oder Reaktionen Gehör verschaffen.

Weite entsteht

In einem spirituellen Feld, das die Möglichkeit bietet, sich so zu sehen, wie man ist, kann Weite entstehen. Die Wirklichkeit ist keine abstrakte mehr. Der Erlebende und das Erlebte sind zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen. Das Tao, die Existenz, das allwissende Feld, Gott oder wie auch immer man es nennen mag kann durch das Individuum wirken. Jetzt werden beengende Vorstellungen mit ihrer Tragweite auf allen Seinsebenen transparent. Erkenntnis folgt. Die Weite, von der dieses Feld getragen ist, absorbiert beengende Vorstellungen und so kann Transformation auf ganz einfache Weise stattfinden.

Von da an können die weiße Kleidung, der Kristall und der Rosenquarz, das Mantra ihre volle Wirkung zeigen. Sie werden getragen von achtsamer Bewusstheit, das Individuum hat seine Schattenanteile als essentiellen Bestandteil menschlichen Seins erkannt. Auf diesem Wege kann der Mensch beginnen die Sprache der Liebe zu verstehen. Evolution hat stattgefunden. Nicht ein besserer Mensch ist entstanden, jedoch ein Mensch, der sich liebevoll als Ganzes umarmt.